Langzeitarbeitslosigkeit: Nutzen wir das schlummernde Potential!

Monat für Monat rutschen mehr Menschen in die Langzeitarbeitslosigkeit. Um diesem Problem zu begegnen, braucht es ein breites Maßnahmenpaket inklusive öffentlicher Jobgarantie.

Arbeitslosigkeit – völlig normal, aber schädlich

Die zahlreichen negativen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die betroffene Person, das Umfeld und die Gesellschaft sind schon seit der Studie „Die Arbeitslosen vom Marienthal“ aus den frühen 1930er Jahren bekannt. Diese gehen weit über die persönlichen finanziellen Einbußen hinaus, umfassen weitreichende psychosoziale Einschränkungen und wirken auch auf das Umfeld und die Gesellschaft im Ganzen (Lazarsfeld, Jahoda & Zeisl, 1933).

Dennoch ist Arbeitslosigkeit völlig normal: Schon vor der Coronakrise war in Österreich im Laufe eines Jahres jede:r vierte Beschäftigte zumindest zeitweise arbeitslos – in den Jahren 2015 bis 2019 immerhin zwischen ca. 900.000 und 960.000 Personen (AMS, 2017, 6, 2020, 6).[1] Während kürzere Perioden ohne Job weniger problematisch sind, steigt das Risiko von negativen psychischen und sozialen Auswirkung jedoch mit der Dauer der Arbeitslosigkeit (Paul & Moser, 2009, 265 & 273; Pohlan, 2019, 284), und das während die Chancen auf einen Job gleichzeitig sinken (Eppel et al., 2018).

Von Langzeitbeschäftigungslosigkeit ­­spricht man ab einer Dauer von einem Jahr. 181.861 Personen waren Ende Februar beim AMS insgesamt als langzeitbeschäftigungslos gemeldet und damit um 36 % mehr als im Vorjahr und mehr als dreimal so viele wie 2008 (Abbildung 1).[2] Vor allem der Jahresvergleich macht deutlich, dass Langzeitarbeitslosigkeit ein strukturelles Problem unserer Wirtschaftspolitik ist und individuelle Anreizerklärungen fehl am Platz sind. Kein Motivationsproblem von Arbeitslosen, sondern in erster Linie ein Mangel an Arbeitsplätzen führt zum Anstieg der Arbeitslosenzahlen (Jost, 2018). So sind derzeit (März 2021) beim AMS gerundet 74.000 sofort verfügbare offene Stellen gemeldet (AMS, 2021).

Abbildung 1

 

Langzeitarbeitslosigkeit steigt kontinuierlich                                                                                    

Mit Ausbruch der Coronakrise stieg die Zahl der Arbeitslosen in bisher unbekanntem Ausmaß und führte zu den „höchste[n] Beschäftigungseinbußen in Österreich seit fast 70 Jahren“ (Bock-Schappelwein, Huemer & Hyll, 2020) und im Jahresschnitt zu einem Rückgang von 20 % an offenen Stellen (Statistik Austria, 2021). Auch wenn die Gesamtarbeitslosigkeit im Herbst lockdown-bedingt wieder stark anstieg, besteht die Hoffnung, dass die Rekordwerte vom Frühjahr 2020 nicht nochmal durchbrochen werden. Arbeitsminister Martin Kocher geht jedoch davon aus, dass das Vorkrisenniveau erst 2024 oder noch später erreicht wird (APA, 2021).

In Abbildung 2 wird ersichtlich, dass die Spitzen der Arbeitslosigkeit mit einer bisherigen Dauer von weniger als einem Jahr bereits erreicht wurden. So waren im März 2020 62% der arbeitslos gemeldeten Personen maximal drei Monate in Arbeitslosigkeit. Im Juni war die Gruppe, der zwischen drei und sechs Monate Arbeitslosen am größten und im September erreichten schließlich jene, welche bereits seit über einem halben Jahr arbeitslos sind, aber noch nicht als langzeitarbeitslos gelten, das Maximum. Die Langzeitarbeitslosigkeit steigt jedoch weiter Monat für Monat an und es ist damit zu rechnen, dass noch mehr Personen die Arbeitslosigkeitsdauer von einem Jahr überschreiten werden – bisher sind hier nämlich nur jene erfasst, welche am Beginn der Coronakrise arbeitslos wurden. Auch Tamesberger & Theurl (2020) befürchten eine dramatische Zuspitzung und Verfestigung von Arbeitslosigkeit in den nächsten Jahren.

Abbildung 2

Wie dramatisch die Situation am Arbeitsmarkt ist, wird vor allem ersichtlich, wenn man auch beim AMS gemeldete Personen miteinbezieht, welche etwa in Schulung sind oder eine Lehrstelle suchen (Abbildung 3). Von Entspannung kann hier noch keine Rede sein.

Abbildung 3

Zu wenige Jobs, aber mehr als genug sinnvolle Tätigkeiten

Langzeitbeschäftigungslose sehen sich einem Mangel an Jobs gegenüber – was jedoch nicht fehlt sind sinnvolle Tätigkeiten. Insbesondere im Bildungs-, Gesundheits- und Pflegesektor sowie bei ökologischen Infrastrukturprojekten gibt es einen großen Bedarf.[3] Damit Angebot und Nachfrage zusammenfinden, braucht es einerseits Qualifizierungsmaßnahmen und andererseits öffentlich geförderte Beschäftigung. Neben Lohnkostenzuschüssen für Arbeitgeber:innen bei der Anstellung von langzeitbeschäftigungslosen Personen sollte der Staat sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen, wenn diese nicht von privaten Unternehmen angeboten werden.

Jobgarantie – auf die Umsetzung kommt es an

Der Sinn einer Jobgarantie ist, dass statt Arbeitslosigkeit für die Gesellschafft nützliche Tätigkeiten finanziert werden, die sonst nicht ausgeführt werden würden. Eine Jobgarantie federt außerdem die negativen Folgen von Langzeitbeschäftigungslosigkeit ab, ist also sinnvoll für die Gesellschaft und sinnstiftend für die betroffene Person. Bei der Ausgestaltung ist jedoch einiges zu beachten. Erstens muss es freiwilliges Jobangebot sein und darf mit keinerlei Zwang verbunden sein (Kasy, 2021). Zweitens sollte der Lohn deutlich über der Arbeitslosenleistung liegen, allerdings nicht über dem jeweilig kollektivvertraglich festgelegten Gehalt, um keine Konkurrenz zu bestehenden Jobs darzustellen (Picek, 2020, 105). Um Verdrängungseffekte und Mitnahmeeffekte zu minimieren, sollte sichergestellt werden, dass nur Stellen gefördert werden, welche sonst nicht zustande gekommen wären (Theurl, 2020, 8).[4]  Viertens sollte es regional organisiert werden, da die Länder und Gemeinden in Zusammenarbeit mit den AMS Geschäftsstellen am besten wissen, wo Arbeitskräfte benötigt werden (Kopf, 2021, 46–47:00). Zusätzlich kann aber auch der Bund beispielsweise wichtige Investitionen im Klimabereich fördern (z.B. Ausbau des öffentlichen Verkehrs und Dämmung von Gebäuden). Fünftens sollte die Umsetzung schrittweise erfolgen und laufend evaluiert werden (Picek, 2020, 118). Man könnte beispielsweise zunächst Personen ab einem Alter von 55 Jahren und einer Dauer der Arbeitslosigkeit von mehr als zwei Jahren ein Jobangebot machen. Und „last but definitely not least“ ist die Jobgarantie als Ergänzung zu einem progressiven wirtschafts-, sozial- und arbeitsmarktpolitischen Umfeld zu verstehen und sollte keine bestehenden Maßnahmen ersetzen.

Die Kosten sind zwar höher als die bestehende Arbeitslosenleistung, warum der Nutzen die Mehrkosten jedoch übersteigt hat mehrere Gründe. Erstens erhöht sich die Nachfrage, da gerade bei einem geringen Gehalt wenig gespart, sondern relativ mehr vom Einkommen ausgegeben wird. Zweitens wird eine gesellschaftlich nützliche Leistung erbracht, die das psychische Wohlbefinden steigert, da Lohnarbeit in unserer Gesellschaft stark mit Anerkennung und Selbstvertrauen zusammenhängt. Bei der Ausgestaltung könnte man neben einer degressiven (also über die Zeit sinkenden) Förderung statt den vollständigen Lohnkosten auch ein geringfügig geringerer Anteil übernommen werden (Kopf, 2021, 50–52:00).

Fazit

Von einer gründlich ausgearbeiteten Jobgarantie profitieren wir alle. Jene, die arbeiten wollen, übernehmen für die Gesellschaft nützliche Tätigkeiten, die sonst nicht erledigt werden würden. Sie signalisieren Arbeitsbereitschaft und erwerben neue Qualifikationen durch Berufserfahrung und sind so auch für private Unternehmen attraktiver. Statt Arbeitslosigkeit finanziert der Staat Beschäftigung. Jetzt liegt es an der Politik die ideologischen Scheuklappen abzulegen und mit einer Jobgarantie Langzeitarbeitslosen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

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Literaturverzeichnis

AMS (2017, Hrsg.) Arbeitsmarktlage 2016 Wien. Retrieved from Arbeitsmarktservice Österreich website: https://www.ams.at/content/dam/dokumente/berichte/001_JB-2016.pdf*

AMS (2020, Hrsg.) Arbeitsmarktlage 2019 Wien. Retrieved from Arbeitsmarktservice Österreich website: https://www.ams.at/content/dam/download/arbeitsmarktdaten/%C3%B6sterreich/berichte-auswertungen/001_JB-2019.pdf*

AMS (2021) Arbeitsmarktdaten ONLINE. http://​iambweb.ams.or.at​/​ambweb/​, abgefragt am 05.03.2021

APA (2021) Wirtschaft darbt noch länger. Die Presse vom 20.02.2021. https://​www.diepresse.com​/​5940026/​wirtschaft-​darbt-​noch-​langer

Bock-Schappelwein, Julia; Huemer, Ulrike; Hyll, Walter (2020, Hrsg.) COVID-19-Pandemie: Höchste Beschäftigungseinbußen in Österreich seit fast 70 Jahren: WIFO Research Briefs (No. 2). Retrieved from Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung website: https://www.wifo.ac.at/jart/prj3/wifo/resources/person_dokument/person_dokument.jart?publikationsid=65886&mime_type=application/pdf*

Eppel, R.; Famira-Mühlberger, U.; Horvath, T.; Huemer, U. und Mahringer H. (2018) Synthesebericht: Anstieg und Verfestigung der Arbeitslosigkeit seit der Wirtschaftskrise. Entwicklung, Ursachen und die Rolle der betrieblichen Personalrekrutierung. https://www.wifo.ac.at/jart/prj3/wifo/resources/person_dokument/person_dokument.jart?publikationsid=62228&mime_type=application/pdf.

Jost, Daniel (2018) Haben Arbeitslose ein Motivationsproblem?: 06.11.2018. https://​awblog.at​/​arbeitslose-​motivation/​, abgefragt am 07.04.2021

Kasy, Max (2021) Was ist eine Jobgarantie? Erklärs mir doch ganz einfach vom 11.01.2021. https://​www.moment.at​/​story/​was-​ist-​eine-​jobgarantie

Kopf, Johannes (2021) Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog: Johannes Kopf: DER PERSONALCHEF. https://​www.youtube.com​/​watch​?​app=​desktop&​v=​jHzVf74Vy7o&​t=​2625s

Lazarsfeld, Paul; Jahoda, Marie; Zeisl, Hans (1933) Die Arbeitslosen von Marienthal: Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit Leipzig: Verlag von S. Hirzel

Paul, Karsten I.; Moser, Klaus (2009) Unemployment impairs mental health: Meta-analyses. Journal of Vocational Behavior 74(3), S. 264-282. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0001879109000037. DOI:10.1016/j.jvb.2009.01.001

Picek, Oliver (2020) Eine Jobgarantie für Österreichs Langzeitarbeitslose. Momentum Quarterly 9(2), S. 103-126. https://doi.org/10.15203/momentumquarterly.vol9.no2.p103-126.

Pohlan, Laura (2019) Unemployment and social exclusion. Journal of Economic Behavior & Organization 164, S. 273-299. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0167268119301969. DOI:10.1016/j.jebo.2019.06.006

Statistik Austria (2021, Hrsg.) 102.600 offene Stellen im Jahresdurchschnitt 2020, 20% weniger als im Vorjahr. https://​www.statistik.at​/​web_​de/​presse/​125355.html

Tamesberger, Dennis; Bacher, Johann (2020) Langzeitarbeitslosigkeit: Politik muss rasch handeln. A&W Blog vom 09.11.2020. https://​awblog.at​/​langzeitarbeitslosigkeit-​politik-​muss-​rasch-​handeln/​

Tamesberger, Dennis; Theurl, Simon (2020) Jobgarantie, damit COVID-Arbeitslose von heute nicht Langzeitarbeitslose von morgen werden. A&W Blog vom 25.08.2020. https://​awblog.at​/​jobgarantie-​covid-​arbeitslose/​

Theurl, Simon (2020, Hrsg.) „Chancen 45“: Das AK-Modell zur Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit. Retrieved from Arbeiterkammer Wien website: https://arbeitplus.at/wordpress/wp-content/uploads/2020/02/Chance-45-AK.pdf*

Fußnoten

[1] Im Jahr 2020 waren laut Anfrage beim AMS erstmals mehr als eine Million Personen zumindest einen Tag arbeitslos gemeldet.

[2] Der AMS-Indikator „vorgemerkte Langzeitbeschäftigungslose gesamt“ umfasst alle beim AMS gemeldeten Personen (unabhängig vom Status), dessen Nettogeschäftsfalldauer ein Jahr übersteigt. Die Nettogeschäftsfalldauer ergibt sich aus dem Zeitraum seit Beginn des Geschäftsfalls abzüglich etwaiger Unterbrechungen. Dauert eine Unterbrechung länger als 62 Tage gilt der Geschäftsfall als beendet (AMS, 2021).

[3] z. B. administrative Tätigkeiten in Schulen, Alltagshilfe für pflegebedürftige und ältere Personen, die thermische Sanierung von Gebäuden, Infrastruktur zur erneuerbaren Energiegewinnung, öffentlicher Verkehr etc. (Tamesberger & Bacher, 2020).

[4] Von einem Mitnahmeeffekt ist in dem Fall die Rede, wenn ein Langzeitarbeitsloser auch ohne Jobgarantie die Stelle bekommen hätte. Verdrängungseffekte meinen hier, dass der Staat Stellen schafft, die sonst von privaten Unternehmen angeboten werden würden.

 

Daniel Jost ist Teilnehmer des 13. Jahrgangs der Wirtschaftspolitischen Akademie.

 

Die Wirtschaftspolitische Akademie organisiert den Gedankenaustausch kritischer, wirtschaftspolitisch interessierter Studierender rund um die soziale Verantwortung wirtschaftlichen Handelns.